100 Questions

KYUNGWOO CHUN

02.09.2005 – 20.11.2005

Picture 001
Foto: Kyungwoo Chun

«Ju» und «Mu» als das Gleiche und das Andere

Das «Ju» (Sein, Dasein) und das «Mu» (Nichts, Leere) von Lao-Tse bilden traditionell die Grundlage der ganzen ostasiatischen Ästhetik. Das erste Kapitel des Lao-Tse, das im 4. – 3. vorchristlichen Jahrhundert verfasst wurde, sagt, dass «Ju» und das «Mu» eine gemeinsame Quelle haben.
Das «Mu» ist der Anfang der Zeit und die Grundlage aller Prinzipien, «Ju» beschreibt die beweglichen Formen dieser unendlichen Prinzipien. Es ist schwer, diese zwei Begriffe voneinander zu unterscheiden, aber sie bilden die Grundlage aller Prinzipien und bewegenden Formen. Das heißt, dass die sichtbare Form und der unsichtbare Menschenverstand zwar andere Welten zu bilden scheinen, aber im Grund genommen eins sind.
Diese traditionelle Ästhetik liegt letztlich auch dem Schaffen der heutigen ostasiatischen Künstler zugrunde. Bewusst oder unbewusst folgen sie immer noch dieser ästhetischen Haltung. Shajin (1) vergegenwärtigt in Korea die Geist des Motivs. Das bedeutet, dass Geist und Körper eins sind.

Hier kann man die Arbeiten von Kyungwoo Chun ansiedeln, der seit Mitte der 90er Jahre in seiner Fotografie, in Video und Performance hauptsächlich Menschen darstellt.
Die Frage nach der Zeit und der menschlichen Wahrnehmung ist bei der Fotoarbeit sein Hauptinteresse. Die meisten Arbeiten der westlichen Fotogeschichte bringen die subjektive Sicht des Fotografen oder die Auseinandersetzung mit dem Raum zum Ausdruck. Aber Chun stellt den Menschen eher in den Schnittpunkt von Zeit und Raum, wobei ihn nicht die Persönlichkeit des Dargestellten interessiert, sondern das gesamte Menschenbild, das durch die spezifische Körperlichkeit des Individuums sichtbar wird.
«Mu» von Lao-Tse kann als Frage nach der Zeit und «Ju» als Frage nach Raum oder Gestalt interpretiert werden. Diese «Mu» und «Ju» treten in den Fotos Chuns vereinigt auf. Außerdem tritt der Fotograf durch die Einführung der Kalligraphiemethode deutlich hervor. Das Hauptthema ist in seiner Fotoserie Light Calligraphy, 2004 die Beziehung der Menschen zur Kalligraphie als Metapher für das eigene Gedächtnis. Sie gilt in Korea traditionell als höchste Gattung der Kunst, und man lernt sie als Methode zur seelischen Kultivierung.
Für Chun dient das Geschriebene nicht zum Lesen, sondern dazu, den Gedankengang des Schreibenden zu verfolgen. Eine ins Leere geschriebene Schrift, vergleichbar dem Klang des Schweigens, lässt den Betrachter die Zeit fühlen, als ob die verstrichenen Momente des Lebens plötzlich fassbar wären.
Durch die tiefe Einmischung des Künstlers in das Verhalten der Menschen werden das Ich und der Gegenstand vereinigt. Das ist das Hauptmerkmal seines Werkes.
In seiner neuen Fotoserie Light Calligraphy, 2004 schreibt eine Person vor der Kamera mit einem Lichtpinsel Texte ins Leere, die gerade in ihrem Kopf entstehen.
Das ist die Weiterentwicklung der Porträtserien mit seiner extremen Langzeitbelichtungsmethode, wie Thirty-Minute Dialog, 2000 oder this appearance: One-Hour Portrait, 2001-2002.
Light Calligraphy, 2004 demonstriert die Grundlage der Ästhetik Ostasiens an der Fotografie, die eigentlich als typisch westliches Darstellungsmittel gilt. Im Vergleich dazu zeigt die Videoinstallation 100 Questions, 2004-2005, aus der die Performance entstand, das typisch westliche Gedankengut, nämlich die Dichotomie und die Dialektik, die Chun während seines Aufenthalts in Europa kennen gelernt hat.
Eigentlich ist das Thema seiner Videoarbeit – anders als die These Isaac Newtons – die individuelle Zeitempfindung, die in der ostasiatischen Philosophie für natürlich gehalten wurde. Chuns Arbeit basiert auf dieser Philosophie. Daraus erklärt sich die Video-Performance 18×1 Minute, 2003-2004 bei ARCO 2003 in Madrid, in der man selbst die eigene Zeit definieren sollte.
In der Videoarbeit 100 Questions, 2004-2005 sieht man deutlich Chuns kritische Haltung gegenüber einer Situation, in der man gezwungen wird, entweder mit «Ja» oder mit «Nein» zu antworten, in der Zwischentöne nicht möglich sind. Er kritisierte schon durch die Video-Performance 18×1 Minute bei ARCO 2003 in Madrid die Denkweise der Europäer, die auf wissenschaftliche Ordnung als absoluten Wert vertrauen.
In dieser Arbeit stellten 10 Menschen jeweils 10 persönliche Fragen, die nur mit Ja oder Nein beantwortet werden sollten. Alle hundert Fragen wurden vor der Kamera gestellt. Man erkennt, dass es nicht immer möglich ist, mit «Ja» oder «Nein» zu antworten, oder dass «Ja» oder «Nein» keine angemessenen Antworten sind. Er weist damit auf einen Zwischenraum oder eine Zwischenzeit hin, auf einen Zustand, der weder klar sichtbar noch ganz unsichtbar ist.
Auf der ersten Einzellausstellung Chuns im Jahr 1994 wurden die Porträtphotographien von ihm selbst und Menschen seiner Umgebung ausgestellt. Da hatte ich seine Werke als «Die Photographie, das Selbst und die anderen, und das Verschwinden ihrer Grenzen» bezeichnet. Meiner Ansicht nach bleibt seine Arbeit trotz der veränderten Methoden immer noch auf der gleichen Linie.
Die ästhetische Haltung des Künstlers kann entweder die Einfühlung oder die Abstraktion sein. Aber diese Haltung des Künstlers schneidet im Grund genommen das Subjekt und das Objekt nicht dichotomisch auf, sondern vereinigt beide.
Der chinesische Ästhetiker aus der Sung Dynastie, Su Tungpo (2) (1036-1101), schreibt folgendermaßen: „Der Künstler schaut nur auf den Bambus, nicht die umgebenden Menschen, wenn er den Bambus malt. Er nimmt den Menschen nicht wahr und vergisst sogar seine eigene Existenz. Gleichzeitig verwandelt er sich in den Bambus und schließlich erreicht er die unendliche Reinheit. Wer könnte dieses geheimnisvolle Rätsel verstehen?“
Vor diesem Hintergrund muss die Arbeit Chuns verstanden werden.

Juseok Park
(Kunsthistoriker, Myongji University, Seoul)
(ins Deutsche von K. Shim, K.Chun und H. Boblitz)

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(1) shajin; Alter Ausdruck für die Vergegenwärtigtigung der Seele, außerdem wird das Wort shajin im Koreanischen für Fotografie verwandt.
(2) Su Tungpo; in Korea auch So Dongpa genannt

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