Barely Something

AI WEIWEI

19.03.2010 – 20.09.2010

Kurator: Roger Buergel

Zur Ausstellung sind ein Katalog und ein Booklet in Deutsch und Englisch erschienen.

Foto: Werner J. Hannappel

Barely Something
(Kaum etwas)

Der chinesische Künstler Ai Weiwei (geb. 1957) ist einer der bedeutendsten Künstler der Gegenwart. Zugleich ist er eine öffentliche Person ersten Ranges. Geht es heute um China, um das ambivalente Faszinosum eines introvertierten Reiches, das sich der Globalisierung nicht nur öffnet, sondern zu ihrem maßgeblichen Schrittmacher wird, so ist Ai Weiwei aus der Diskussion nicht wegzudenken. Dabei verfügt der Künstler über eine breite Palette von Ausdrucksformen. Zu diesen zählen objektbezoge und installative Arbeiten ebenso wie Architekturprojekte, und schließlich auch Formen des gesellschaftspolitischen Engagements. Ai Weiweis blog dokumentiert nicht nur tagebuchartig die Begegnungen und Erlebnisse eines «individuellen Bewusstseins», sondern nutzt die prekären Privilegien eines international bekannten Künstlers zur Artikulation und Mobilisierung einer regierungskritischen Öffentlichkeit in China.

Die Ausstellung im DKM, realisiert anlässlich der Metropole Ruhr 2010, wird sich der Faszination, die von dieser schillernden Künstlerpersönlichkeit ausgeht, nicht entziehen. Dennoch gilt es mit einigen Klischees aufzuräumen, die aus einer allzu schlichten Betrachtung sowohl des chinesischen Reiches und seines politischen Systems als auch der poetischen Möglichkeiten eines globalen Künstlers erwachsen. Ai Weiwei ist weder der Dissident, dem man im Westen gern ganze Feuilletonseiten einräumt, noch Mr. Big, der Mann der großen ästhetischen Geste. Er ist das auch, er weiß die spektakulären Formate mühelos zu füllen, doch sind sie seiner konzeptuellen Intelligenz nicht wesentlich. Sie verraten mehr über westliche Projektionsmuster als über die Kunst.

Ai Weiwei ist ein Künstler mit einem nüchternen Blick für die Möglichkeiten, die ihm die Welt eröffnet, und für die unhintergehbare Fragilität der Zusammenhänge. Kaum Etwas macht es sich zum Anliegen, die konzeptuelle Intelligenz dieses künstlerischen Oeuvres herauszuarbeiten. Neben aktuellen Werken konzentriert sich die Ausstellung auf beispielhafte Arbeitsformen aus der Frühphase des Künstlers. Sie weisen ihn bereits als Chronisten des stets abgründigen, manchmal nihilistischen Alltags aus, aber auch als Akteur innerhalb einer unstrukturierten chinesischen Kunstszene, als Kurator inoffizieller Ausstellungen und als Herausgeber von Anthologien, die gezielt künstlerische Bildungsdefizite in China adressieren.

Erst auf der Grundlage einer konzeptuellen Perspektive erschließt sich Ai Weiweis ebenso flexibel wie präzise gefasster Werkbegriff. Dieser lässt gleichermaßen Raum für die Integration von traditionellem chinesischen Handwerk wie für die Organisation von Gruppen (1001 Chinesen bei der documenta 12), oder die Initiative zu einer informellen, anti-systemischen Recherche (über die verschwiegenen Erdbebenopfer in Sichuan).

Angesichts schierer Gewalt, sei es in Gestalt totalitärer Gehirnwäschen oder brutaler Modernisierungsvorhaben, war es dem Künstler stets ein Anliegen die Neuheit der Tradition zu belegen. Das Museum DKM verfügt über eigene Bestände an antiken chinesischen Artefakten. Für eine Ausstellung mit Werken von Ai Weiwei bildet es einen spannungsvollen Rahmen, weil das Antike hier seinen exotischen Charakter abstreifen und sich als lebendiger, eben zeitgenössischer Zusammenhang erweisen kann.

Kuratiert von Roger M. Buergel

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