Do come in

NIKOLAUS KOLIUSIS

30.10.2009 – 01.03.2010

Zur Ausstellung ist ein Booklet mit einem Text von Raimund Stecker und Fotografien von Nikolaus Koliusis selbst erschienen.

Ausstellungsansicht Galerie DKM
Foto: Nikolaus Koliusis

Do come in
Unübersehbar! Aber, was ist zu sehen?

Unübersehbar lagert überkopfhoch präsentiert ein des Nachts blau hell strahlendes und tagsüber einfach nur blau zu seien vorgebendes Rechteck vor beziehungsweise hinter der Fenstergalerie der Stiftung DKM im Duisburger Innenhafen. Es handelt sich faktisch um einen nach beiden Seiten strahlenden Leuchtkasten, dessen Schauseiten beabsichtigt monochrom blau sind (lediglich die innen liegenden Leuchtmittel strukturieren kaum, aber dennoch wahrnehmbar wolkig die jeweilig blaue Ein- und Gleichfarbigkeit).

Ausstellungsansicht Galerie DKM
Foto: Nikolaus Koliusis
Ausstellungsansicht Galerie DKM
Foto: Nikolaus Koliusis
Ausstellungsansicht Galerie DKM
Foto: Nikolaus Koliusis
Ausstellungsansicht Galerie DKM
Foto: Nikolaus Koliusis
Ausstellungsansicht Galerie DKM
Foto: Nikolaus Koliusis
Ausstellungsansicht Galerie DKM
Foto: Nikolaus Koliusis
Ausstellungsansicht Galerie DKM
Foto: Nikolaus Koliusis
Ausstellungsansicht Galerie DKM
Foto: Nikolaus Koliusis
Ausstellungsansicht Galerie DKM
Foto: Nikolaus Koliusis
Ausstellungsansicht Galerie DKM
Foto: Nikolaus Koliusis
Ausstellungsansicht Galerie DKM
Foto: Nikolaus Koliusis
Ausstellungsansicht Galerie DKM
Foto: Nikolaus Koliusis
Ausstellungsansicht Galerie DKM
Foto: Nikolaus Koliusis

Unübersehbar sowohl nach vorn wie nach hinten wirkend und so Beachtung einfordernd ruft, ja – erleuchtet im Dunkeln – schreit das Blau gleichsam fordernd, es sehend wahrzunehmen. Es befindet sich in nur schwer erreichbarer Höhe auf einem Gerüst als Leuchtkasten montiert. Der das Blau tragende Leuchtkasten ist hinreichend groß dimensioniert, um das Blau markant zu behaupten, und signifikant genug positioniert, um durch das Blau den Ort seiner Präsenz zu betonen. Er ragt über die Grenzen des Galeriegebäudes hinaus in den straßenbreiten Weg hinein und nimmt so die Manier von Ladenschildern, von Geschäftswerbung auf. Unübersehbar fordert das Blau das Herantreten sowohl der Flaneure auf dem Philosophenweg beziehungsweise derjenigen, die vom Museum Küppersmühle her kommen, wie auch Spaziergänger, die vom Schwanentor aus entlang der Stadtmauer, vorbei an der Architektur Zvi Heckers für das Jüdische Gemeindezentrum und durch den Garten der Erinnerung von Dani Karavan den Weg finden. Letzter sehen sogar zwei lagernde blaue Rechtecke. Denn ein weiteres befindet sich links vom hoch auf einem außen stehenden Gerüst montierten versetzt auf dem Boden in der «Schaufenstergalerie» DKM.

Die beiden blauen Rechtecke fallen nachhaltig auf. Sie attraktivieren den Ort, sie schaffen einen markanten Ort. Sie suggerieren ein Besonderes dort, wo sie sind. Noch dezent rufen sie bei Tage und schon recht laut schreien sie bei Nacht. Sie fordern unser Wahrnehmen.

Eigentlich fallen derartige Leuchtkästen bei Nacht und Farbflächen bei Tage kaum mehr au. Die Werbeträger unserer Städte haben die Optik der urbanen Räume so erobert, dass sie wegzudenken hieße, einen Verlust zu vermerken. In der Altstadt von Eichstätt, der Bistums- und katholischen Universitätsstadt im bayerischen Altmühltal, muss man sich erst daran gewöhnen, dass dort nicht fehlt was uns Alltag geworden ist, sondern fundamental stören würde: die Werbung, die Leuchtreklame, die um Sensationen buhlenden Hinweisschilder, die Plakate und die billboards. Aber, sie sind dort nicht zu finden, um die architektonische Formen der vorhandenen barocken Architektur und die der moderat-modernistischen Rationalität Karljosef Schattners zu ihrer urbanen Geltung zu bringen.

Nun finden wir im Duisburger Innenhafen, im direkten Umfeld neuester, zumeist glasdominierter Verwaltungsarchitektur sowie alter, ziegelsteinbetonter Speichergebäude, zwei wie gewöhnliche Werbeträger wirkende blaue Rechtecke. Aber, sie tragen keine Werbebotschaften, künden nicht von etwas oder verkünden nicht irgendetwas und verweisen auch nicht auf etwas, das sie nicht selber einlösen. Ja, sie attraktivieren sogar den Ort, an dem sie sich befinden, doch auch dort ist nur zu finden, was den Ort attraktiviert: sie selbst, die zwei unübersehbaren, blauen Leuchtkästen von Nikolaus Koliusis.

Handelt es sich um l‘ art pour l‘ art pur? Fraglos – doch wie so oft dann doch nicht nur! Denn ein subversiver Gehalt ist subtil der Ausstellung Nikolaus Koliusis‘ eingeschrieben, der das Ideal der reinen Selbstbezogenheit unterminiert.

Fraglos in die Tradition der Konkreten Kunst – der mithin, die nichts über das hinaus zur Anschauung bringen möchte als das, etwas sie selbst zu sehen gibt – sind die ideal als ein- und geichfarbige, gemeinhin «monochrom» zu nennenden blauen Rechtecke zu kategorisieren. Bis hin zu infinitesimal kaum mehr nachvollziehbaren Differenzierungen hat sich das hinter der Ideologie der Monochromie versteckende künstlerisch Zur-Anschauung-bringende-Interesse in der Tradition russischer Avantgardisten und US-amerikanischer Colorfield Maler in die Schauräume der Kunst hinein geredet – und so den ästhetischen und historischen Gehalt dekorativ fatal eliminiert.

Und nun Monochromie im öffentlichen Raum. Was geschieht, wenn diese Kunstform, die spätestens seit der monochrom-rot-plakativen Einführung des VEBA-Nachfolders, der E.ON. ihre kommerzielle Feuertaufe bestanden hat, ihrer Botschaft entledigt öffentlich so auftritt, wie es Nikolaus Koliusis in Duisburg unternimmt? Eben, sie wird durch ihr Treten in den öffentlichen Raum wieder auf ihre Füße gestellt – auf die, ein autonomes Element zu sein, das lediglich aus sich heraus wirkt und nur für sich selbst Wahrnehmung fordert.

Raimund Stecker

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