from within

RAIMUND VAN WELL

13.08.2001 – 14.10.2001

Raimund van Well, Ausstellungsansicht Galerie DKM
Foto: Werner J. Hannappel

from within

Er nennt es mit Vorliebe présence, Anwesenheit, Gegenwärtigkeit, und macht damit einen Begriff zum Zentrum seiner Reflexion über die Kunst, der sich prinzipiell der Möglichkeit definitorischer, konzeptueller Vereindeutigung entzieht und immer erst in der konkreten Begegnung mit den Zeugnissen der Kunst seine Bedeutung erhält. Präsenz meint bei ihm eine ontologische Auszeichnung. Nicht alles, was ist, hat in diesem Sinne Präsenz, sondern nur das, was plötzlich sich seiner konzeptuellen Maske entledigt und durchsichtig wird auf jene Wirklichkeit, die kein Realismus-Begriff zureichend erfasst. Damit aber überhaupt die Kunst in ihre eigene Möglichkeit eintreten kann, der Erfahrung der Präsenz einen Ort zu geben, muss erst die radikale Endlichkeit des menschlichen Lebens, die Absolutheit des Todes in den Blick treten. Ob der Tod ein endgültiger Horizont ist oder nicht, dies scheint für die Kunst selbst von radikaler Konsequenz. Nur wer sich von den Illusionen und Verlockungen einer Wirklichkeit jenseits der Wirklichkeit befreit hat, kann ein Organ entwickeln für die Erfahrung der absoluten Realität, die er als Präsenz zu erfassen sucht.

Die Affirmation der Präsenz bedeutet entschlossene Negation dessen, was sich ihr als Abwesenheit oder Alterität entgegensetzt. Aber in jeder Negation duckt das Negierte sich gleichsam zum Sprung. Das Ausgegrenzte geht als Energie, Dynamik der Oszillation, Zweifel, Beunruhigung in der Präsenz ein.

Wenn die Kunst in ihren höchsten Möglichkeiten, wie sie für ihn seit der frühen Renaissance erst eigentlich und in Schüben einer immer weiter reichenden Radikalisierung ans Licht tritt, im Zeichen der reinen Präsenz steht, so ist diese Präsenz doch immer noch der Schauplatz des Negierten, das in der Negation unverlierbar bleibt. Ja, es scheint, als trete alles, was die Präsenz als ihre Negation ausgrenzt, in diese ein und mache sie so zum Ort eines unabsehbaren Widerstreits, wo der Sog des Abwesenden immer neu, aber nie endgültig gebannt erscheint.

Nun ist eine Kunst aber niemals auf Grund ihrer ursprünglichen Widersprüche zu verurteilen, und es ist sogar ihre Bestimmung, den unmöglichen Synthesen Gestalt zu verleihen. Aber die Widersprüche müssen erst einmal als solche gelebt werden. Die Synthese der Kunst ist immer nur ein Paradox. Sie besitzt nur eine unbeständige Realität im Herzen einer Bewegung des Geistes, die in dem Sinne der Ehrlichkeit selbst ist, dass sie die gegenwärtigen Konzepte nicht abmildert und nicht versucht, sie miteinander zu versöhnen. Sie versucht nicht, das absolute Verhältnis zu sein und gibt es nicht vor, die Numerale Essenz dessen was ist in einem schattenlosen Licht zu offenbaren, sie verwirklicht vielmehr einfacher das Gleichgewicht eines Augenblicks zwischen Maß und Maßlosigkeit, den Einklang einer Seele mit sich selbst.

Ich möchte es das glückliche Verhältnis nennen, kraft dessen man leben kann.

aus: Bonnefoy, Yves: Das Unwahrscheinliche oder die Kunst. W. Fink Verlag 1994.

Hrsg.: Bild und Text, von G. Boehme und K.H. Stierle.
Textänderungen und Zusammenfügungen: R. van Well.

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