Haus ur

GREGOR SCHNEIDER

22.04.2002 – 17.06.2002

Gregor Schneider, Ausstellungsansicht Galerie DKM
Werner J. Hannappel

Haus ur: Zeit und Dauer

Wand vor Wand, Fußboden auf Fußboden, Raum in Raum: Haus ur, Gregor Schneiders 1985 begonnenes work in progress, besteht in der Verdoppelung dessen, was schon da ist – es ist der Ort einer material- und arbeitsintensiven Produktivität, die sich selbst insofern verzehrt, als die eingebauten Räume die gleichen sind wie die ursprünglichen. Damit werden die vorhandenen Wohnräume verstellt und verborgen, sie werden zu Räumen einer unmöglichen Anwesenheit, das Vertraute wird unzugänglich und un-heimlich. Schneider stellt sich zwei extreme Formen der Wahrnehmung seines Baus vor. Es kann sein, dass ein Besucher überhaupt nicht bemerkt, sich zum Kaffee in einem Raum aufzuhalten, der in den bestehenden eingebaut ist und dessen Fenster von hinten mit einer Lampe beleuchtet wird, um Tageslicht zu simulieren. Die Vorhänge wehen im Luftzug eines Ventilators. Dahinter kommt nur, wer Zugang zu den verbliebenen Gängen zwischen ursprünglichem und nachträglichem Bau erhält – auf die Gefahr hin, die falsche Tür zur falschen Zeit zu öffnen und in einen todbringenden Abgrund zu stürzen. Doch die Verschachtelung der einander wiederholenden Bauteile ist so weit fortgeschritten, dass selbst von den Zwischenräumen her eine eindeutige Identifizierung von Original und Reproduktion nicht zweifelsfrei möglich ist. Für die Biennale Venedig 2001 hat Gregor Schneider die Räume, die er über die Jahre hin in dem Haus an der Unterheydener Strasse konstruiert hatte, in den deutschen Pavillon eingebaut – wie er derartige Deplacierungen in kleinerem Maßstab auch früher schon für mehrere Ausstellungen an verschiedenen Orten vorgenommen hatte. An die Stelle des Originalbaus tritt dann die jeweilige, wiederum durch die Einbauten verdeckte Ausstellungsarchitektur, hinter ihnen entstehen neue Zwischenräume.

Den zwei unmittelbaren Erfahrungen des Hauses ur entsprechen zwei Arten der photographischen Wiedergabe. Einerseits macht Gregor Schneider zentralperspektivische, statische Photos des Kaffeezimmers, in dem er unterschiedliche Lichtverhältnisse, Tageszeiten und Stimmungen inszeniert, oder er registriert den Raum über längere Zeit mit der unbewegten Videokamera. Nur leichtes Wehen des Vorhanges stört die vollkommene Ruhe der Aufnahme. Dauer und Ereignislosigkeit kennzeichnen den Zustand des Raumes, wie er dem ahnungslosen Besucher erscheint. Andererseits macht er eine große Anzahl von Photos aller Details, die sich an den Rückseiten der Einbauten, in den Zwischenräumen, mit abgestellten und eingelagerten Materialien und Objekten ergeben. Ausdrücklich so bezeichnete Amateurvideos, wiederum von Gregor Schneider selbst, zeigen, was jemand zu sehen bekommt, der sich mit Hilfe einer Lampe und mit mühevollem körperlichen Einsatz – zu hören sind schweres Atmen und beunruhigende Geräusche von umgestoßenen Gegenständen – durch die engen Gänge zwischen Einbau und ursprünglichen Wänden zwängt. Die Zeit gerät in Bewegung. Es ist die Zeit, die zu dem hinter Einbauten verborgenen Raum gehört, es ist die Zeit des Gedächtnisses. Dessen Konstruktion aber ist geprägt durch unerschöpflich erneuerten Aufschub: Aspekt folgt auf Aspekt, Detail folgt auf Detail, Objekt auf Objekt, aus dem Dunkel hervorgeholt, ins Dunkel zurückgefallen. Die Herstellung eines zusammenhängenden Bildes wird unendlich verzögert.

Photographie und Video sind Medien der Wiedergabe und der Deplacierung. Gregor Schneider setzt sie gelegentlich ein, um die Identität eines Einbaus im Haus ur und in einer Ausstellung nachzuweisen: Die Überlagerung eines Raumes durch einen gleichen wird erweitert durch die Präsenz des gleichen Raum an verschiedenen Orten, und die Unterschiedlichkeit dieser Orte wird verborgen durch die Repräsentation der gleichen Einbauten durch identische Aufnahmen. Umgekehrt hat Gregor Schneider seine aus den Zwischenräumen mitgebrachten Amateur-Videos bei mehreren Ausstellungen in neu entstandene, hinter den Einbauten liegende Räume projiziert und damit das diesen Fehlende des ursprünglichen Ortes wiedergegeben.

Vor allem aber erforscht Gregor Schneider mit Photos und Videos nachträglich das Wesen der Räume, die einander durch seine Praxis der Verdoppelung des Bestehenden an derselben Stelle überlagern, das Wesen dieser Räume, die ein Besucher des Hauses ur in zwei extremen Formen der Unmittelbarkeit erfährt: in vollkommener Verkennung von dessen Wirklichkeit oder in dessen totaler, todbringenden Erfahrung. In dieser Funktion sind Photo und Video Medien zur Rekonstruktion der Zeiten des Hauses. Ereignislose Dauer bestimmt den Raum, der an die Stelle des ursprünglichen tritt und in dem der ahnungslose Besucher sich einfindet, um eine Tasse Kaffee zu trinken und ein belangloses Gespräch zu führen. Eine endlose Bewegung des Aufschubs aber die Zeit des Gedächtnisses, in der sich der ins Verborgene verschobene Raum manifestiert.

Ulrich Loock

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