Raum, Statik und Bewegung

ERNST HERMANNS

12.12.2014 – 26.04.2015

Ernst Hermanns, WV 255, 1989
Foto: Werner J. Hannappel

Raum, Statik und Bewegung Der Plastiker Ernst Hermanns

„Nicht der Körper, sondern der Raum ist zum Gegenstand der bildhauerischen Arbeit geworden.“ Dieser Satz von Dieter Honisch, dem ehemaligen Direktor der Berliner Nationalgalerie, präzisiert sehr gut das Einmalige von Ernst Hermanns und seinem plastischen Werk. Der 1914 in Münster geborene und 2000 in Bad Aibling gestorbene Künstler besitzt einen einzigartigen Platz in der Kunstgeschichte – in dieser Beurteilung sind sich alle Kenner einig, von Gottfried Boehm über Rolf Wedewer bis Armin Zweite. Dennoch erreichte Ernst Hermanns bisher noch nicht die Bekanntheit, die er verdient. Das liegt vor allem am Material seiner Skulpturen, dem Raum. Man erkennt diese Substanz nicht gleich auf den ersten Blick; erst in der Bereitschaft zur Ruhe und Konzentration wird sie sichtbar.

Im Dezember 2014 wäre Ernst Hermanns 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass präsentiert das Museum DKM in Duisburg eine große und zugleich konzentrierte Ausstellung zu Ehren des Künstlers.

Etwa 40 Prozent des Werks befinden sich im eigenen Besitz. Mit seinen asiatischen, ägyptischen und modernen Kunstbeständen stellt das Museum DKM gewissermaßen ein Zentrum für Kunstformen dar, die eines gemeinsam haben: dass sie einen kontemplativen Zugang erfordern. Die Stille dieser Werke erweist sich als eine von geistiger Bewegung erfüllte Leere.

Hermanns lebte bis 1967 in Münster, danach in München und war von 1976 bis 1980 Professor an der Kunstakademie Münster. Er hatte Einzelausstellungen unter anderem im Museum Schloss Morsbroich in
Leverkusen (1974, 1989, 2000), im Münchner Lenbachhaus (1983), im Landesmuseum in Münster (1985, 1999) und im Lehmbruck Museum in Duisburg (1999). 1987 nahm Hermanns an den Skulptur. Projekten in
Münster teil, und 1990 erhielt er den renommierten Piepenbrock-Preis für Skulptur.

Die Ausstellung Raum, Statik und Bewegung – Der Plastiker Ernst Hermanns zeichnet an 62 Werkbeispielen die Entwicklung des Bildhauers von 1952 bis 2000 nach. In den 1950er Jahren wurde die Oberfläche seiner Skulpturen porös und holte den offenen Raum in die Körper hinein. Von 1956 bis 1959 arbeitete Hermanns an naturhaft wachsenden Bewegungsstrukturen und großen Zeichnungen, die in grenzenlosen
linearen Strömungen, Wirbeln und Schraffuren den Raum zur Anschauung brachten. Anfang der 1960er Jahre erfolgte dann der entscheidende Umbruch: Ernst Hermanns stellte die Bewegungsströme des Raumes nicht mehr direkt dar, sondern erzeugte sie durch die «mehrförmige Plastik». Er beschrieb den Vorgang sehr klar: „Wenn mehrere Einzelformen in Bezug zueinander treten, entsteht eine Raumspannung von Körper zu Körper. Der Raum wird als verbindender Teil der Plastik einbezogen und erhält eine neue Bedeutung.“

In seinen mehrteiligen Plastiken gestaltete Ernst Hermanns die materiellen Teile immer einfacher. Wichtig sind allein die räumlichen Konstellationen. Anfangs, von 1960 bis 1963, sind es noch verformte und schräg
gestellte Quader, deren gefühlte Bewegungsimpulse den Raum zwischen ihnen dynamisieren. Bald aber, seit 1964, arbeitet Hermanns nur noch mit klaren geometrischen und überschaubaren Formen aus Metall:
Rundstäben, Vierkantstäben, Kreis- und Rechteck-Scheiben, Kugelformen. Damit schuf er zeitgleich eine eigenständige Parallele zum amerikanischen Minimalismus.

Was in Bewegung gerät, was in Entsprechungen, Entgegensetzungen und rhythmischen Abfolgen gestaltet wird, ist der Spannungsraum
zwischen den Formen. Hermanns spricht von einer «Synthese der Einzelelemente», die den
Raum einbeziehen und «aus statischer Anordnung zu Bewegung überleiten». Bis zu seinem letzten, dem 85. Lebensjahr, schuf Hermanns
ganz verschiedene, manchmal gedrängte, oft aber auch sehr weit gespannte räumliche Konstellationen. Ihre aufgeladene Ausdruckskraft und dynamische Anspannung erschließt sich erst dem verweilenden Blick. Man spürt, was Hermanns über seine plastische Arbeit sagte: „Als ungeheuer konzentrierte Form muss sie eine Aura haben.“ In der modernen Skulptur ist die Öffnung auf den Raum ein beherrschendes Thema. Doch nur wenige Künstler gaben dem Raum eine so eigenständige plastische Substanz wie Ernst Hermanns. Die von Prof. Dr. Erich Franz kuratierte Ausstellung stellt einige vergleichbare Positionen der internationalen Moderne in Dialog zu diesem Werk: Alberto Giacometti, Hans Arp, Norbert Kricke, Günter Fruhtrunk, Donald Judd, Erich Reusch und Franz Erhard Walther.
Immer geht es um bewegliche Vorgänge, die über das materiell Begrenzte hinausreichen. Jede plastische Konstellation erzeugt andere Bewegungen, die der Betrachter innerlich vollzieht. Gemeinsam ist aber all diesen Werken die Kraft freier geistiger und sinnlicher Bewegung im Raum.

Kurator der Ausstellung: Prof. Erich Franz

Unterstützt von: LVR _ Landschaftsverband Rheinland und Kunststiftung NRW

Zur Ausstellung ist ein Katalog mit zahlreichen Abbildungen und Texten u.a. von Erich Franz, Rolf Wedewer, Armin Zweite, Gottfried Boehm und Raimund Stecker erschienen.

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