Raumarbeit (WV 310)

ERNST HERMANNS

26.11.2004 – 20.02.2005

Ausstellungsansicht Galerie DKM, Duisburg
Foto: Werner J. Hannappel

MEIN SUCHEN GILT EINEM NEUEN ORDNUNGSGEFÜGE

Ernst Hermanns verließ sich Zeit seines künstlerischen Tuns immer auf die Wirkung des von ihm Geschaffenen. Dabei verdichtete sich das, was er schuf, immer mehr. In den letzten Jahren reduzierte sich sein materielles Formenvokabular auf die simplen stereometrischen Körper Kugel, Säule beziehungsweise Stab und in seltenen Fällen auch noch Scheibe. Sämtlich wurden sie in Edelstahl ausgeführt. Mithin wurden immer bedeutungsvoller ihre Größen und vor allem ihre Stellungen zueinander, die stets konzeptuell vor gedacht, die aber auch immer vor Ort sehend überprüft wurden.

Eine große Anzahl Werke schuf Ernst Hermanns, die dieses «Spiel» von Dimension, Proportion und Relation auf Platten zur Aufführung brachten. Der Spielraum war so gleichsam durch eine Grundplatte abgesteckt. Alles verhielt sich auf ihr zueinander und in Relation zu ihr. Die Platten geben dieser Werkgruppe in gewisser Weise auch eine modellhafte Bedeutung.

Überschaubar ist die Zahl an Werken, in denen Ernst Hermanns ein Zueinander seiner Körper in wirklichen Räumen realisierte. Mit einer Halbkugel und einer Kalotte (1969/84) beginnt diese «Gruppe» von Arbeiten, die sich streng genommen nicht zu einer Werkgruppe binden lässt. Zwei auf dem Boden in einem spannungsvoll minimalen Abstand zueinander liegende Rundstäbe (1979) wären ihr zuzuordnen, sein Beitrag zu Skulptur Projekte in Münster (1987), seine Ausstellungen in den Galerien Heinz Herzer, München, (1988) und Reckermann, Köln, (1988) zweifelsohne auch und fraglos der Düsseldorfer Raum aus dem Jahre 1994.

Bis kurz vor seinem Tode im Jahre 2000 beschäftigte sich der dann nahezu 86jährige mit einem «Ordnungsgefüge» aus einer riesigen Kugel, einer kleinen und einer großen Säule für den Ausstellungsraum der Stiftung DKM in Duisburg. Er hatte den Raum selbst nie gesehen, kannte aber seine Ausmaße sehr genau. Dass der Raum auch wie ein Schaufenster funktioniert, interessierte ihn besonders, irritierte ihn aber auch. Denn die Begrenztheit, die seine Plattenwerke genauso wie seinen Düsseldorfer Raum auszeichnet, ist hier nicht mehr gegeben. Es gibt in Duisburg dementgegen einen durch Höhe, Breite und Tiefe begrenzten Innenraum und einen offenen Außenraum. Beide fließen, lediglich durch Glasscheiben getrennt, ineinander; beide bilden, visuell durch die Glasscheiben verbunden, aber auch eine Einheit – jedoch eine, die sich aufgrund der Unbegrenztheit des Außenraums eines beherrschenden Zugriffes verweigert.

Das Resultat der Beschäftigung Ernst Hermanns mit diesem Raum ist ein Modell und eine Skizze mit Maßangaben. Das Modell zeigt, wie er dieses ihm neue Thema anging, wie er dieser besonderen Gegebenheit Rechnung tragen wollte, wie er dieses Miteinander von Innen und Außen wertete… Es zeigt, dass er sehr wohl wie gewohnt räumlich sich der Herausforderung näherte, dass er aber auch das Bildliche seiner Konstellationen mit stereometrischen Körpern, das ihn spätestens in Düsseldorf begann zu interessieren, nun schon fast primär wertete. Denn die Kugel sprengt gleichsam den Innenraum, scheint – gerade von außen gesehen – kaum mehr im Raum zu sein, denn ihn vielmehr zu dominieren.

Die Kugel ist innerhalb des Raumes viel eher physisch präsent als anschaubar visuell, ist in der Umkehrung aber von außen gesehen vor allen bildlich – dann wie eine Scheibe – gegenwärtig und nur mehr auch als wirkliche Kugel. Die kleine Säule entschwindet folgerichtig im Hintergrund. Sie ist aber unabdingbar notwendig für den im Raum sich aufhaltenden Besucher, weil sie ihn aufgrund ihrer Überschaubarkeit unweigerlich auffordert, den Blick-Dialog zu suchen zwischen ihr und der Kugel, den, den die Kugel mit ihrer Mächtigkeit nicht mehr initiiert. Und, dann gibt es noch die große, außenstehende Säule. Sie übersteigt die Gebäudehöhe – wenn auch nur leicht. Sie ist höher als der Durchmesser der Kugel, setzt sich mithin sogleich in Relation zu ihr, sucht andererseits aber sofort auch die In-Beziehung-Setzung zu ihrer «Verwandten», zur kleinen Säule.

„Mein Suchen gilt einem neuen Ordnungsgefüge.“ (Anm.1) Ernst Hermanns war dieser Satz bis zu seinem Tod Credo. Die postum ausgeführte Arbeit für den Raum der Stiftung DKM in Duisburg belegt dies augenfällig. Sie gibt zu erfahren, dass Relationen von Größe und Kleinheit, von scheinbarer Macht und Ohnmacht gleichwohl zu einem ausponderierten Ganzen führen können. Jede Größe ist innerhalb dieser Ausgewogenheit bedeutend. Masse ist in diesen Verhältnissen kein Wert-an-Sich für Dominanz. Auch – und genau gesehen wäre zu formulieren: gerade – das kleinste Element in komplexen Verhältnissen ist konstitutiv für eine ausgewogen funktionierende Ganzheit. Auch wenn es Spekulation ist: Ernst Hermanns würde den Duisburger Raum als sein Werk bezeichnen.

Remagen Rolandseck, im November 2004
Raimund Stecker

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Anm.1
Das Zitat stammt von Ernst Hermanns aus dem Jahre 1962. Es ist wieder abgedruckt im Katalog Ernst Hermanns, Ein Raum; Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf, 1994; S.65.

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