under construction I

NIKOLAUS KOLIUSIS

21.08.1999

Während des Umbaus, zur Eröffnung des Gartens der Erinnerungen.

Nikolaus Koliusis, Ausstellungsansicht Galerie DKM
Foto: Nikolaus Koliusis

under construction

Nikolaus Koliusis (*1953 in Salzburg, lebt in Stuttgart ) arbeitet mit den Elementen der Transparenz und der Spiegelung, insofern also mit Licht. Die Mittel hierfür sind lapidar: Spiegel oder Glasflächen und blaue Filterfolie, wie sie im Filmgewerbe zur Färbung des Lichtes verwendet wird.

Für die Räume der Stiftung DKM in Duisburg positionierte er 16 große Doppelscheiben(2×1,50m) aus Glas, die auf kleinen Schaumstoffpolstern auf dem rohen Betonfußboden stehen. Zwischen die Scheiben hängte er große Flächen der blauen Folie.

Der Raum ist langgestreckt und durch eine mittlerer Stützenreihe gegliedert, der eine zweite Stützenreihe nah an den großen Fensterflächen entspricht, durch die man in den Stadtraum hinaus bzw. in den Ausstellungsraum hineinblicken kann. Zwischen den einzelnen Fenstern befinden sich analog weitere Stützen als Wandsegmente. Ein kurzer Korridor an einer der Schmalseiten des Raumes führt zur Eingangstür. Die Positionierung der «Bilder» erfolgte auf unterschiedliche Weise. Mal stehen sie, scheinbar gefährdet, an einer Raumecke, alleine gegen einen Pfeiler gelehnt oder paarig an zwei Seiten einer Stütze; mal überlappen sie sich, eng an einer Wand aneinandergestellt. Auch die Form der Folien divergiert: in manchen Fällen entspricht ihre Form der Kontur der Glasscheiben, wenn die Folie auch von kleinerer Fläche als diese ist. In anderen Fällen ist die Folie schräg verzogen oder geknittert und gefaltet.

Ein Blick in den Raum vermittelt als ersten Eindruck das Gefühl, als seien die großen «Bilder» ohne bestimmte Absicht und nur provisorisch hier abgestellt. Dieser Eindruck ist kalkuliert, und tatsächlich hat Nikolaus Koliusis eine solche Installations-Strategie schon einmal angewendet. Für seine Arbeit in der Landesbank Baden-Württemberg, Stuttgart, überließ er es den Spediteuren, wie sie die großen Rahmen mit der Folie an einer bestimmten Stelle in der Bank abstellen wollten. Der Eindruck des Zufälligen verdichtet sich in diesem Kontext zu der Vermutung, Koliusis habe an diesem Ort bewusst ein Element des Anarchischen installiert, das bei all seiner farblichen Schönheit, formalen Unaufdringlichkeit und technischen Lakonie deutlich eine Gegenposition zu dem reibungslosen Funktionieren der Geldmaschine Bank einnimmt.1

Für die Installation in den Räumen der Stiftung DKM wäre eine solche Interpretation unangemessen. Hier geht es um den Reichtum der Anmutungen, Ansichten, Durchblicke, Spiegelungen, Überlagerungen, Verdichtungen. Denn die Glasscheiben sind nicht nur transparent, sondern funktionieren auch als Reflektoren. Der Galerieraum, aber auch der durch die Fenster sichtbare Stadtraum ist somit, ein vielfach widergespiegelter mehrfach vorhanden, wobei die «Bilder» nicht nur den Umraum, sondern auch andere «Bilder» und die auf ihnen wiederum sichtbaren Spiegelungen zurückwerfen und somit ein kompliziertes Gewebe von Sichtachsen generieren. Hinzukommen die Transformationen des Bildes durch die unterschiedlich geknitterten oder glatten, gefalteten oder flach am Glas herunterhängenden Folien. So verwischen die Lichtröhren, die als zwei Linien an der Decke angebracht sind, zu aleatorischen Zeichnungen auf der Ebene der gefalteten Folie, sind aber zugleich als geradlinige Reflexion auf der Ebene der Glasscheiben sichtbar. Deformierende besteht zugleich mit einer «korrekten» Raumreflexion sowie der lediglich gefärbten, aber ansonsten unbehinderten Durchsicht durch Glas und Folie auf den dahinter liegenden Raum.

Wie so oft bei Nikolaus Koliusis bringen Einfachheit und Lakonie der Mittel ein höchst komplexes Ergebnis hervor, das zu würdigen der Betrachter willens sein sollte, sich seiner eigenen Wahrnehmung als Thema des wahrzunehmenden zu widmen. Durch die Verwendung standardisierten, seine Herkunft aus dem industriellen Bereich keineswegs verleugnenden Materials vermeidet Koliusis die Produktion von «Aura» und stellt stattdessen ein sowohl nüchternes als auch visuell reiches Wahrnehmungsfeld zur Verfügung. Dabei geht es aber nicht um die Selbstthematisierung der künstlerischen Mittel, um den Rekurs auf die Voraussetzungen und Mittel der künstlerischen Produktion, sondern Koliusis versteht seine Arbeit durchaus als eingebettet in die Zeit, in der er lebt und auf die er reagiert. So stellt auch under construction durch die Betonung des Temporären mittelbar einen Reflex auf die ökonomischen und städtebaulichen Umwälzungen dar, die im ehemaligen Montan-Revier und speziell im Gelände des Duisburger Hafens, in dem sich der Ausstellungsraum befindet, stattfinden – nicht anders als die kontextbezogenen Arbeiten wie die genannte für die Landesbank in Stuttgart und seine Installation in Museum Pfalzgalerie, Kaiserslautern.2

Nikolaus Koliusis ist somit weit entfernt von der Hermetik und eingekapselten Referenzlosigkeit der Konkreten Kunst, der ihn zuzuzählen anfangs naheliegend sein mag. Denn das Thema der Wahrnehmung und ihrer Weiterverarbeitung ist, wenn die Deklarierung dieses Zeitalters als Informationszeitalter richtig ist, so brisant wie selten: Was ist das, was ich sehe? Ein Bild? Ein Raum? Ist dies innen, oder ist es außen? Dahinter oder davor? Was sehe ich, und was bedeutet es? Wie entscheide ich, was ich mit dem anfange, was ich sehe?

Nikolaus Koliusis beobachtet sehr genau, auf welche Weise wahrgenommen wird und auf welche Weise heute mit dem Sichtbaren, sei es real oder artifiziell, umgegangen wird. Insofern sind viele seiner Arbeiten und auch seine für die Stiftung DKM geschaffene Installation Reflexionsanlässe, und dies in zweifachem Sinn. Sie fordern ein Innehalten, Langsamwerden, die Bereitschaft, ständig die «Brennweiten» zu verändern, eine Flexibilität des Auges und des Intellekts.

Oder: „Wenn es heute kein Problem mehr darstellt, Dinge scharf wiederzugeben, dann ist es Zeit, sich der Unschärfe zuzuwenden. “(N.K.)

Leonhard Emmerling


1 vgl. Nikolaus Koliusis, Ortsangabe, Stuttgart 1999,S. 78ff. ; 2 Vgl. ebd., S. 98-103 und Britta E. Buhlmann (Hg.), 1.Ligal, Heidelberg 1999, S. 58 – 63.

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