Vier Fenster zur Welt

WERNER NEKES

23.12.2002 – 14.04.2003

Projektionen von Werner Nekes, Galerie DKM
Foto: ©Andreas Mangen

Media Magica

„Die schöpferischen Möglichkeiten des Neuen werden meist nur langsam durch alte Formen, alte Instrumente aufgedeckt“ (Moholy-Nagy)

Charles Baudelaire schrieb im Jahr 1859 – es war die Zeit zwischen der Erfindung von Daguerreotypie und Kinematographie, von Fotografie und Film – über die Schaulust seiner Zeitgenossen: ,,Tausende begieriger Augen beugten sich über die Öffnungen der Stereo-Gucker, als seien sie die Dachfenster zur Unendlichkeit“. Für lange Zeit hat danach allerdings die fortdauernd beschleunigte Entwicklung der modernen Bildmedien Rückblicke auf ihre Entstehung ausgeschlossen. Das beklagte Walter Benjamin bereits 1931, und daran hat sich bis heute nicht wirklich etwas geändert. Hoch einzuschätzen ist allein deshalb schon der Verdienst der Stiftung DKM, gemeinsam mit dem international renommierten Filmkünstler Werner Nekes in ihrer Galerie am Duisburger Innenhafen eine Veränderung der Blickrichtung zu eröffnen. Mit der – nach außen gerichteten – Filminstallation Vier Fenster zur Welt erlaubt sie so sinnvolle wie sinnliche Einblicke ins Zauberreich der bewegten Bilder aus jenen Zeiten, bevor es den Film gab. Die Installation mit dem Titel Il sole non vide mai nessuna ombra – Niemals sieht die Sonne einen Schatten (Leonardo da Vinci) ist Auftakt und Begleiter einer von der Stiftung DKM initiierten Projekt-Reihe mit Werner Nekes und Duisburger Kulturinstituten, welche die wahrscheinlich allerersten Lichtspiele beleuchtet: die Schattenkünste.

Allabendlich verwandeln sich die vier Front-Fenster der Galerie in Filmleinwände, und die Nacht selbst wird zum Kinoraum für die Passanten. Leuchtend schön und nahbar treten dann heraus aus dem Dunkel und aus dem Dunkel einer fünfhundertjährigen Geschichte die Vorfahren von Fotografie und Film. Die zauberischen Protagonisten von Werner Nekes singulärer Dokumentarfilm-Reihe Media Magica. Eine so charmante wie wissenschaftlich präzise aufbereitete filmische Führung durch seine Sammlung zur Vorgeschichte der visuellen Medien vom 15. bis zum 19. Jahrhundert; eine der umfangreichsten und bedeutendsten Privatsammlungen weltweit. Angefangen beim Vorläufer der Lochkamera, der Camera Obscura, und dem ersten Projektor, der Laterna Magica über Perspektivtheater bis zu Stroboskop-Scheiben, «Lebensrädern», «Wundertrommeln», Daumenkino und ihrem Nachfolger, dem frühen Film um 1900. Aufwendig reanimiert, ist eine Vorführung der vielfältigen optischen Trickapparaturen und experimentellen Instrumente zu erleben. Variantenreiche historische Imaginationsapparate, Vexier- und Trugbilder, «Veränderungsseher», Montage-Spielzeuge, Bewegungs-Illusionen und Augentäuschungen. Visuelle Animations-Techniken und Verwandlungs-Effekte, die nicht zuletzt demonstrieren, dass die meisten der modernen optischen Verfahren (Bildebenenstaffelung, Mehrfachüberblendung oder Morphing) auf Prinzipien basieren, die bereits vor Jahrhunderten bekannt waren und höchst einfallsreich angewendet wurden.
Darüber hinaus aber entfaltet die spezielle Präsentationsform der Filme innerhalb des Galerie-Konzepts eine Reihe besonderer Reize und Bedeutungsverschiebungen. So trägt die Konstruktion bereits in sich selbst viele Signaturen visueller historischer Wahrnehmungs- und Darstellungsformen. Die Galerie selbst wird nachts zur großen Laterna Magica. Die Einfassung der Filme in ein Fenster-Raster – ehemalige LKW-Garagentore verwandelt zum LichtKunstWerk, das kaleidoskopisch wirkt, wenn man sich von ihm entfernt – könnte ebenso an Dürers Zentralperspektiven-Raster erinnern. Aus diesem Schau-Fenster zur Welt tritt dann der zentrale Gedanke der Renaissance-Malerei, dass Bilder zugleich Oberfläche (superficies) und geöffnetes Fenster (finestra aperta) sind: der Bildraum als fortlaufendes Kontinuum zum Betrachterraum. An genau diese Interaktion dachte auch Bill Gates, als er sein Computerprogramm «Windows» taufte.
Die markanteste Eigenschaft der Darbietungsform ist aber ihre Simultaneität. Auf den «Netzhäuten» der vier Fenster werden die vier einstündigen Filme der kinoformatigen Media Magica-Reihe gleichzeitig gezeigt, nonstop und ohne Ton. In sich sind sie thematisch geordnet: Der Film Durchsehekunst fasst die Geschichte der Camera Obscura ins Auge, die Erforschung der Perspektive und ihre Anamorphosen-(Zerrbild)-Experimente, sowie das farbige Reich der Schattenkünste. «Belebte Bilder» zeigt die naturwissenschaftlichen und volksvergnüglichen Anwendungen der «Schreckens»-Laterna Magica; unzählige Papieranimationen offenbaren ihre Dreh-, Falt-, Zieh- oder Hebel-Mechanismen. Kuriose Wechselbilder, -postkarten, -bücher mit Seilspringern und Zappelgeistern. Populär wie der Guckkasten dank der wundersamen Verwandlungsprozesse seiner illuminierbaren Durchleuchtungsbilder; beliebt wie die Panoramen für Augenreisende. Die «Vieltausendschau“ verblüfft mit unerwarteten Veränderungen durch Montageprinzipien, und die «Wundertrommel» mit Persistenzspielzeug: der Erzeugung von Bewegungssimulationen durch die Nutzung der Trägheit des Auges, der Nachbild-Wirkung, kombiniert mit stroboskopischen Effekten. So werden Phasenbilder zu Endlosfilmen: aus der Mitte einer rotierenden Phenakistiskop-Scheibe (Täuschungsseher) etwa scheinen unaufhörlich Ratten zu kriechen und über den Scheibenrand zu verschwinden.
Werden optische Apparate und Effekte als «vor-kinematographische» Phänomene normalerweise in eine geschichtliche Kontinuität eingeordnet, an deren Ende, als Vollendung, das Kino steht, so ist ein wichtiger Gewinn der simultanen Filmvorführung sicherlich, dass sie diese lineare mediengeschichtliche Erzählung zum Teil preisgibt: es gibt nicht einfach eine genealogische Linie von der Camera Obscura der Renaissance zum Kinematographen. Das polyperspektivisch angelegte Nonstop-Bilderlabyrinth mit wechselnden Gleichzeitigkeiten und Übergängen vermittelt die schöpferische Erfahrung, dass das Werk der Vergangenheit weder irgendwo anzukommen hat, noch abgeschlossen ist. Es ist in seiner Wirkung unabsehbar.
Darüber hinaus addieren sich die Eindrücke dieses Historiskops zu einem grandiosen Panorama, das die historischen Beziehungen von experimenteller Forschung, Belehrung, populärer Unterhaltung sinnlich ebenso zusammenblendet, wie es all‘ dies auch selbst ist. Und die Simultanwirkung lässt ahnen, wie weit verzweigt die optischen, kinetischen Künste sind, wie vielfältig ihre Überschneidungen und Verknüpfungen. Und wie viele künstlich visualisierte Erfahrungsräume schon damals jeweils zugleich bestanden. Beziehungen optischer Erfindungen zur Industrialisierung des 19. Jahrhunderts blitzen allerdings nur zufällig auf. Wenn etwa frühe Filmaufnahmen erster Eisenbahnen auftauchen und im Filmfenster daneben Kurbelpanoramen oder rotierende Wundertrommeln – dann wird augenfällig, dass ihre Entwicklung von den Rädern der «Locomotion» beeinflusst war. Andererseits gibt es die Beziehung etwa von Montage-Gesellschaftsspielen zur Aufklärung des 18. Jahrhunderts. Sie förderten die Einsicht in die Gestaltbarkeit und Veränderbarkeit von Welt und sozialer Identität, von Vorstellungen. Das montageartige Nebeneinander Filme wird hier zum Symbol dieser Haltung.
Die Flucht der Momentbilder, der gesteigerte Eindruck von Wechsel und Veränderlichkeit hat zugleich etwas traumhaft Halluzinatorisches. Die Installation ist zuerst ästhetisches Ereignis. Der Raum, den sie öffnet, ist voller Phantasmagorien, Impressionen, Sensationen, Stimulanzen, Metamorphosen, theatralischer Erfahrungen. Funkelnder Feuerlichtfarbzauber, erzeugt von kreiselnden bunten Spiralen hinter durchleuchtbaren Lochbildern, die so an Lauflichtreklamen erinnern. Flackernde Magie von Schattenfiguren. Ihr zugleich frappierender Schein von Natürlichkeit; der Kranich, der sich das Gefieder zupft, in einem chinesischen Schattenspiel. Glitzernde Laterna-Projektionen von Meereswellen und Mondschein, grimassierende, augenkullernde Schimären. Dramatische Raumtiefensuggestionen. Blitzartige Entrückung, scheinbares Hineinversetztwerden in Szenarien längst vergangener Zeiten. In den Petersdom, in eine Maschinenhalle der Pariser Weltausstellung. Der Zauber von Transparenzbildern: im Auflicht sieht man Versailles bei Tag, im Hinterlicht erscheint es bei Nacht, mit erleuchteten Fenstern, Sternenhimmel, Feuerwerk. Aus Sommer wird Winter. Oder aus London Moskau. Unendliche Horizonterweiterungen. Und Einsichten in die technische Bedingtheit auratischer Erscheinungen. Kurz: Während Werner Nekes Fenster zur Welt die Geschichte des experimentellen Sehens als große Sehens- und Denkwürdigkeit zeigen, werden sie selbst zu einer solchen.

Svenja Klaucke

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